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Der Sexreflex.

Er ist meist wunderschön. Voller Liebe. Leidenschaft. Einzigartig. Gewöhnlich. Manchmal schlecht. Öfter peinlich. Denkwürdig. Und bei Zeiten schmerzvoll und grausam. Sex. Es ist das, was uns in vielen, vielleicht sogar in den meisten Momenten antreibt. Er ist die Grundlage menschlicher Entscheidungen. Weit über das eigentliche Privatleben hinausgehend. Er ist die Grundlage von Freud und Leid.

 

Sex ist ein Instinkt, der wohl alle Lebewesen in ihrem Handeln zutiefst beeinflusst. Stellt sich hier jedoch die berechtigte Frage, was unterscheidet uns Menschen nun wesentlich von an Popos schnüffelnden Hunden? Gut wir schnüffeln nicht an anderen Hintern. Naja, zumindest nicht im Rahmen einer ersten Kontaktaufnahme. Aber ist unser Sexverhalten grundlegend anders?

 

 

Menschliche Normen erschweren Sex.

 

 

Ist es nicht viel mehr so, dass wir als Menschen unser Sexverhalten unnötig verkomplizieren. Mit Normen und mit gesellschaftlichen Vorgaben. Mit Aussagen wie: „Kein Sex vor dem dritten Date.“ Obwohl beide sich beim ersten Date schon kaum zurückhalten können. „Kein Sex mit dem Ex“. Aber eigentlich sind beide verdammt heiß drauf. Und der Sex war auch immer wirklich gut. Oder aber: „Don’t fuck the company“. Vielleicht eine wohlüberlegte Aussage, aber woher dann einen Sexpartner hernehmen, wenn man 70 Stunden in der Woche im Büro verbringt. Und außerdem, wieso eigentlich nicht?

 

Den Sexreflex zu unterdrücken, ist unter Menschen zu einer Art Volkssport geworden. Einschränkungen, Verurteilungen und die eigene Schüchternheit halten uns davon ab, Sex einfach nur geschehen zu lassen. Wir verzichten auf Spaß, schöne Momente, innige Zweisamkeit. Und warum? Weil die Gesellschaft vorschreibt, dass es nicht normal ist, neben seiner Freundin noch einen weiteren Sexpartner zu haben. Weil irgendjemand bestimmt, dass es nicht funktionieren kann mit mehreren Menschen gleichzeitig zu schlafen. Weil Beziehungen nun einmal zu enden haben, nachdem der Partner mit einer anderen geschlafen hat.

 

Aus welchem Grund, nehmen wir uns in vielerlei Hinsicht derart die Freude. Warum die Dinge so unnötig verkomplizieren? Wenn uns der Sexreflex doch eigentlich was ganz anderes vorschreibt? Und wenn Sex erwiesenermaßen so wahnsinnig gesund ist? Sex scheint unter Menschen schwierig geworden zu sein. Häufig muss mehr dafür getan werden, als das Schlichte „am Hintern riechen“. Womit Hunde zum Beispiel ganz vereinfacht ihr Interesse ausdrücken können.

 

 

Sex unter Tieren wird auch mit Lust verbunden.

 

 

Gerade bei Menschenaffen konnte schon nachgewiesen werden, dass sie bei Sex gleich dem Menschen Lust empfinden. Auch hier dient Sex also nicht bloß der Fortpflanzung.  Ganz unabhängig von der Tatsache, dass ein beträchtlicher Teil des Tierreiches ebenso homosexuell sein kann. 

 

Delfine sind wahre Nymphomanen der Tierwelt. Zwei Drittel ihrer Lebenszeit verbringen sie mit dem Geschlechtsakt. Dabei spielt das Geschlecht, oder auch die Tatsache, dass der gegenüber einer völlig anderen Delphinrasse angehört, überhaupt keine Rolle. Und auch Selbstbefriedigung ist für Delphine das Normalste auf der Welt. Beim Liebesakt selber wird sich Zeit gelassen. Ein Vorspiel mit Kuscheln gehört unbedingt dazu. Und sollte es mal eintönig werden, wird oft und gerne die Stellung gewechselt. 

 

Den Sexreflex ohne Auflagen oder Einschränkungen auszuleben, scheint in der Tierwelt also gang und gäbe zu sein. 

 

 

Sex als Problemlöser.

 

 

Die Bonobos, eine zentralafrikanische Menschenaffenart, lösen Probleme mit Hilfe sexueller Handlungen. Spannungen und Schwierigkeiten im sozialen Gefüge wird mit oraler und manueller Stimulation begegnet. Ekstatisches Aneinanderreiben der Geschlechtsteile ist hier an der Tagesordnung.

 

Wenn sie unzufrieden sind oder Streit haben, hauen sich Bonobos nicht gegenseitig die Köpfe ein. Nein. Sie vögeln. Ganz einfach. Möglicherweise könnten sich an diesem Verhalten auch all die menschlichen Alphatiere mit dicken Eiern, die sich gerne ihren Weltherrschaftsphantasien hingeben, etwas abschauen? Eventuell gäbe es dann den ein der anderen Krieg weniger.

 

Auch unter Menschen kann Sex bestens Probleme und Spannungen abbauen. Beim Sex wird nämlich das Bindungshormon Oxytocyn und das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. Ersteres macht uns sanft und friedlich, und stimmt uns kompromissbereit. Dopamin macht uns zuversichtlich und stärkt unsere Tatkraft. Beides in Kombination erhöht die Möglichkeit friedliche Lösungen für unsere Probleme zu finden.

 

Also anstatt sich mal wieder anzuschreien, oder die Teller gegen die Wand zu werden, es einfach mal wieder mit inniger Zweisamkeit probieren.

 

 

 

Und was ist eigentlich mit der ganzen Fetisch Szene?

 

 

Möglicherweise ist diese den meisten Menschen bereits um einiges voraus. Anstatt Sex zu einem Problem zu machen, wird er freizügig auf Parties und privaten Veranstaltungen zelebriert. Nichts gilt als peinlich oder abnormal. Das gegenseitige menschliche Zusammensein wird als Glück eingestuft. Nicht umsonst ist das Verhalten unter einander in der Fetisch Szene ganz besonders respektvoll.

 

Was lässt sich daraus für den Rest der Gesellschaft schließen? Zumindest sollten wir in unserer heutigen Zeit bereits soweit sein, auch andere Beziehungsmodelle abseits der klassischen, über Jahrhunderte fortwährenden Monogamie in westlichen Ländern als normal und nicht als etwas Widersprüchliches zu erachten. Dem Sexreflex würde dies sicherlich entgegenkommen.