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Der Fall der syrischen Stadt Afrin. Kurden kämpfen allein auf weiter Front.

Wie Deutschland damals, so die Türkei heute?

"Bei allen berechtigten Sicherheitsinteressen der Türkei ist es inakzeptabel, was in Afrin passiert, wo Tausende und Abertausende von Zivilisten verfolgt sind, zu Tode kommen oder flüchten müssen", mit diesen Worten verurteilte Angela Merkel am Mittwoch das Vorgehen der Türkei.

 

Die türkische Regierung eroberte mit verbündeten syrischen Milizen und deutschen Panzern am vergangenen Wochenende die kurdische Hochburg Afrin. Afrin ist eine mehrheitlich von Kurden bewohnte Stadt im Norden Syriens. Von der türkischen Regierung werden die kurdischen Kräfte dort als "Terrorgruppe" bezeichnet.

 

Gefeiert wurde dieser "Sieg" als wäre ein Ende des Syrienkrieges herbeigeführt worden. Leider lässt sich nur beobachten, dass die türkische Strategie das Leid der Menschen verschlimmert. Nach UN-Angaben sind in den vergangenen Tagen mindestens 150.000 Menschen aus der Stadt in den syrischen Süden Richtung Aleppo geflohen. Die Angst unter den Kurden ist groß; es werden Massaker und Massenvertreibung gefürchtet.

 

Afrin war die letzte Hochburg kurdischer Verbände im Nordwesten Syriens. Seit jeher leben Kurden in Syrien und werden seit vielen Jahrzehnten unterdrückt. Seit Monaten nutzen sie die chaotische Situation in Syrien, um weite Teile des Landes für sich zu erobern und einen Staat im Staat zu schaffen, ähnlich wie im Falle der autonomen Region im Nordirak.

 

Der türkische Präsident Erdogan sieht in den Kurden eine Bedrohung. Die kurdische Arbeiterpartei PKK ist in der Türkei verboten und wird international als Terrorgruppe gehandelt; ihre Symbole sind in Deutschland verboten. Da die PKK in Syrien Milizen unterstützen soll, hat Erdogan eine Armee losgeschickt, um selbst in Syrien eingreifen zu können.

 

Diese Mission dient jedoch weniger dem eigenen Schutz als nationalistischen Interessen. Auch das Auswärtige Am in Berlin zweifelt die "Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit" des türkischen Vorgehens an. Bislang unbestätigte Bericht über Massaker an Zivilisten, Plünderungen und Zerstörungen stehen im Raum.  

 

Da die europäische innere Sicherheit nicht direkt betroffen ist, werden auch hier mal wieder die Augen verschlossen. Erst Tage später folgte die Äußerung der Bundesregierung, man "verurteile dies aufs Schärfste". Diese Nachlässigkeit in der Verurteilung des inhumanitären Verhaltens von Seiten der Türkei gegenüber Kurden ist keine Überraschung.

 

Bereits seit Jahren konnte die Türkei Kurden in Randregionen ohne großen Widerstand angreifen. Ein Grund für die verhaltenen Reaktionen der westlichen Welt ist begründet in dem Umstand, dass die Türkei NATO-Mitglied ist. Verstärkt wird das aktuell noch durch den Flüchtlingsdeal. Dieser verschafft der türkischen Regierung fast so etwas wie einen Freibrief.

 

Absurd ist auch die Tatsache, dass die Türkei, die so viel finanzielle Unterstützung von der EU und auch Deutschland zur Flüchtlingsabwehr bekommt, selber Massen an Flüchtlingen produziert. 

 

Entgegen allem politischen Machtkalkül, sollte es doch auch hier vor allem um den Menschen gehen. Die Kurden machen nun abermals die Erfahrung, dass ihnen gegebene Versprechen nicht gehalten werden und ihr Kampf gegen den IS nicht gewürdigt wird. Unter diesen Aspekten lassen sich die wütenden Proteste von kurdischer Seite absolut verstehen. Es scheint, als wäre dem kurdischen Volk ein Frieden nicht vergönnt.